13.September 2017

Das Parisbuch

Nun ist auch mein Parisbuch (Paris, links der Seine) erschienen. Ein Redakteur hat dazu mit mir ein Interview geführt, das in der nächsten Nummer des Frankreich Magazins (Nr. 4/2017) erscheinen wird. Hier schon einmal zwei Fragen und die Antworten: 1) Wie kamen Sie auf die Idee zu Ihrem neuen Buch? - Mein Buch ist eine Grand Tour durch das sechste und fünfte Arrondissement von Paris, also durch Saint-Germain-des-Prés und das Quartier Latin. Hier kenne ich fast jedes Haus und viele Bewohner seit Jahrzehnten. Ich wollte das alte Herz von Paris möglichst detailreich porträtieren, es ist eine Liebeserklärung an einen Raum, in dem ich mich zu Hause fühle. 2) Und welche Rolle spielt die Stadt bzw. die französische Literatur in ihrem literarischen Schaffen? - Meine Familie hat französische Wurzeln, so dass meine Eltern noch oft zusammen Französisch gesprochen haben. Ich selbst habe die französische Literatur früh kennengelernt und immer besonders geliebt. Insgeheim glaube ich manchmal, dass ich auf Deutsch so schreibe, als handelte es sich um einen französischen Text in deutscher Übersetzung. Wenigstens halbwegs empfinde ich mich als französischen Schriftsteller.

08.September 2017

Die Erzähler

Die italienische Literatur ist in erster Linie eine der Erzählung. Seit den Zeiten Boccaccios hat sie die europäische genau damit bereichert: Menschen sitzen in kleinen oder großen Runden und erzählen sich eine Geschichte nach der anderen. Das ist noch heute so, man erlebt es an jedem Tag, zu jeder Stunde, an allen nur erdenklichen Orten. Sergio betritt ein Café, gibt eine Bestellung auf und erzählt sofort (ungefragt und in beträchtlicher Lautstärke), warum er heute nicht mit der Vespa, sondern zu Fuß gekommen ist. Chiara kauft beim Bäcker ein und vergisst die Bestellung, denn zuvor muss sie dringend davon erzählen, wo und wann sich ihre Mutter am frühen Morgen beinahe den Hals gebrochen hätte. Ganz zu schweigen von Caterina, die allein am Strand mindestens zehn Zuhörerinnen mit der Erzählung vom gestrigen Gewitterregen unterhält: Wie die dunklen Wolken von den Bergen her ins flache Land strömten, wie es plötzlich so still wurde, wie die Geister der Berge den Wolken hinterherliefen und sich in ein Theater der Wassermassen verwandelten, dass die kleinen Autos auf den Straßen im Kreisverkehr langsam absoffen und untergingen…

01.September 2017

Kleine Breviere

Eine Leserin hat mich vor einiger Zeit auf den Gedanken gebracht, aus meinen Büchern kleine, handliche Breviere zusammenzustellen, die sich jeweils auf ein einziges Thema konzentrieren. Begonnen habe ich mit dem Thema „Glück“ (Glücksmomente. München 2015). Danach habe ich mich dem Thema „Glauben“ gewidmet (Glaubensmomente. München 2016). In diesem Jahr ist das Thema „Musik“ dran (Musikmomente. München 2017). Wie gehe ich dabei vor, welche Konzeption/Idee steckt dahinter? Ich wähle Passagen mit eindeutig autobiografischem Hintergrund aus meinen Romanen, Erzählungen und Essays aus und kommentiere sie. Dadurch wird sichtbar, wie sich „das reale Leben“ (mit seinen „realen Bezügen“) in Erzählung („das erzählte Leben“ mit seinen „erzählten Bezügen“) verwandelt. Die Leserin oder der Leser können diese Verwandlung studieren und ihre Schlüsse daraus ziehen. Angeordnet sind die Breviere chronologisch, so dass jeder Band zugleich auch die Biografie des jeweiligen Themas erzählt: Mein Glaube/Mein Umgang mit Musik etc. So entwickelt sich ein ganz eigenes Erzählgeflecht: Durch die chronologische Mixtur aus autobiografischem Text und Kommentar entsteht die doppelbödige Erzählung einer bestimmten Passion: die ihrer Wurzeln, ihres Wachstums und ihrer Ausprägungen.

24. August 2017

Die Biographie eines Buches 6

Bevor ich mich jetzt weiter in Rezensionen, Stellungnahmen und Debatten zu meinem Buch verheddere, steige ich einfach aus und fahre tief in den Süden. Texte über den Süden (ohne offensichtlichen Bezug zu meinem neuen Roman) kann man unter www.ortheil-blog.de verfolgen. Für eine Weile werde ich ein anderes Leben führen, eines unter Schwimmern, Fischern und Jägern. Um erst zur Premierenlesung (selbstverständlich in Köln) aufzutauchen.

22. August 2017

Die Biographie eines Buches 5

In der Wartezeit bei meinem lebenslustigen und eloquenten Friseur erhalte ich einen Stapel Zeitschriften für ein rasches Durchblättern. Darunter ist (wie immer) auch die Vogue. Für dieses Durchblättern brauche ich einige Zeit, denn mein junger Friseur macht sich einen Spaß daraus, sich später mit mir über die Fotos in dieser Zeitschrift zu unterhalten. Ich blättere und blättere, ich präge mir einige Fotos ein und erreiche die Seite 178. Und da ist es, ich sehe es sofort, auf den ersten Blick: das Cover meines neuen Romans! Und dann der dazu gehörende Text: „Von Trugbildern handelt auch Hanns-Josef Ortheils hinreißender Roman Der Typ ist da. Denn als der junge Venezianer Matteo, dem sie während eines Venedig-Aufenthalts begegnete, eines Tages vor der Tür der Kölner Studentin Mia steht, gerät nicht nur ihr Leben gehörig durcheinander, sondern auch das ihrer Mitbewohnerinnen Lisa und Xenia. Zauberisch versteht es Matteo, die Gedanken und Gefühle der drei zu manipulieren. So entbrennt ein höchst unterhaltsamer Konkurrenzkampf um die Gunst des wie vom Himmel gefallenen venezianischen Cherubs – gestaltet als Traumspiel über himmlische Gefühle in irdischen Sphären.“ Geschrieben hat das der Schriftsteller Peter Henning – und er hat eine wunderbare Kette von Signalen gefunden: Hinreißend, zauberisch, der Cherub, das Traumspiel – der Roman als romantisierendes Märchen.

17. August 2017

Die Biographie eines Buches 4

Heute erscheint der neue Roman. Bald werde ich die ersten Rezensionen zu lesen bekommen. Für einen Autor können solche Texte sehr unergiebig sein. Zum Beispiel, wenn sie sich auf ausgetrampelten Pfaden an das Buch heranmachen (was hat der Autor früher so alles geschrieben? Wie finde ich etwas vom Früheren im Neuen?). Oder wenn sie den Inhalt zu lange referieren und nicht zu einem begründeten Eindruck vom Leseerlebnis kommen. Was sollte man stattdessen in einer Rezension finden? Der Leser sollte erfahren, was mit einem Rezensenten während der Lektüre passiert ist. Und die Rezension sollte ihn ahnen lassen, was für ein Buch ihn genau erwartet. Das erfordert viel Sensibilität und die Bereitschaft, nicht gleich mit raschen Urteilen aufzutrumpfen. (Michel Foucault hat einmal ironisch von dem Kritiker berichtet, der nachts aufwachte und schrie: „Ich will urteilen.“) Und schließlich: Was erwarte ich selbst von einer Rezension? Dass ich etwas zu lesen bekomme, das mir selbst nicht eingefallen wäre, irgendetwas, das nicht aus flüchtig Gehörtem, Gelesenem oder Aufgegabeltem hergeleitet wurde, sondern im Verlauf einer hingebungsvollen Lektüre für den Rezensenten sichtbar geworden ist.

15. August 2017

Die Biographie eines Buches 3

Kurz vor Erscheinen des neuen Romans bin ich mit einem Kölner Journalisten in meiner Geburtsstadt unterwegs. Wir schauen uns zusammen einige der Orte und Räume an, an denen der Roman spielt. Die Gegend um den Dom, die Antoniterkirche in der Schildergasse, die Umgebung der Neusser Straße in Nippes. Ich kann Details erläutern und etwas über die Verbindung sagen, die ich selbst (aufgrund meiner eigenen Geschichte) zu diesen Räumen habe. Im Roman eröffnen sie den Prozess einer „Vertiefung“. Was meint das? Die Hauptfigur (Matteo) „vertieft“ sich in Kölner Szenen. Er betrachtet sie nicht flüchtig, sondern „nimmt sich ihrer an“, indem er sie auf sein Innenleben und seine eigene Geschichte bezieht. Dadurch „vertieft“ er sich gleichsam auch in sich selbst – und gibt anderen Menschen Anstöße, sich ebenfalls in Details der Umgebung (und damit in sich selbst) zu „vertiefen“.

13. August 2017

Die Biographie eines Buches 2

Viele Vorabexemplare meines neuen Romans (Der Typ ist da) wurden inzwischen an Freunde, Bekannte oder Rezensenten verschickt. Was bekomme ich davon zu hören? Meist nur kurze Reaktionen wie „Danke, ich lese es auf jeden Fall in den Ferien“ oder „Das Cover ist schon mal sehr gut“ oder „Die ersten Seiten sind prima, ich habe sofort hineingefunden“. Warum macht mich das so gereizt? Weil ich eigentlich hören will, dass all diese Leserinnen und Leser sich „mit Haut und Haaren“ in das Buch gestürzt und es in einem Zug gelesen haben. Mit höchstens einer einzigen nächtlichen Pause. Sonst aber am Stück. Der Typ ist da hat Karussell-Charakter, das sollte man nach den ersten Seiten gemerkt und sofort darauf reagiert haben: Aufspringen – und Runde für Runde drehen, immer schneller, bis zum retardierenden Schlusskapitel, in dem diese Runden ausklingen.

6.August 2017

Träumereien

„Die Meistersinger von Nürnberg“ sind als Oper das, was die Mondfische für das Meer sind. Und als wollten beide mir genau das bestätigen, träume ich von ihnen. Und höre, wie jemand flüstert: „Herr Ortheil, Sie sind in erheblichem Maße und in bestem Sinn ein Mondfisch!“ – Worauf ich mitten im Traum mit dem (romantischen) Wagnergesang beginne: „Ha, welch ein Mut! Begeisterungsglut!“ – Während die Flüsterstimme leise kommentiert: „Mondfische sind Romantiker im allerbesten Sinn, aber in leicht überheblichem Maße!“

28.Juli 2017

Die Meistersinger von Nürnberg

3sat sendet die Bayreuther Neuinszenierung der „Meistersinger von Nürnberg“. Im Alter von Mitte Zwanzig war ich geradezu vernarrt in diese Oper. Und noch heute kenne ich meine damaligen, ausgesprochen komischen Lieblingsmomente („Der Sänger sitzt.“ – „Fanget an!“) auswendig. Ich habe das Stück aber lange nicht mehr ganz gesehen und gehört. Und fasse es heute Abend nicht: wie langsam diese Geschichten vorankommen! Und was für ein unverdauliches Wagner-Deutsch sie mit sich schleppen! Und das stundenlang! Als Zuschauer möchte man irgendwann auf die Bühne springen und jeder Figur einen Schubs versetzen: Herrgott, nun aber los! Die Festwiese liegt gleich da drüben! Und der Chor wartet schon seit zwanzig Uhr! Dass da komme der Abgesang, nicht zu kurz und nicht zu lang. Nicht zu lang – haben Sie das jetzt verstanden, meine Herren?

26.Juli 2017

Mondfische

Eine Fernreisende schickt mir aus einem Lissaboner Riesenaquarium (ich liebe Aquarien) das Foto eines großen Mondfischs. Er sieht mit seinen zwei dreieckigen Flossen (eine oben, eine unten) und seinem schweren, tonnenartigen Rumpf wie ein perfektes Unterwasserfahrzeug aus. Geht er auf die Jagd? Keineswegs. Die Jagd interessiert ihn nicht, er frisst, was ihm gerade in die Quere gerät, lauter Kleinzeug, Plankton, Krebse, Larven. Und was macht er den ganzen Tag? Er lässt sich treiben und beobachtet die Tiefsee. Manchmal kommt er nach oben, legt sich schräg und sonnt sich. Er existiert so, als wäre er der Hausherr der Meere. Der hier und da nach dem Rechten schaut, aber nicht eingreift und nichts ausrichtet. Niemand kümmert sich um ihn, sogar die Fischer ignorieren das gewaltige Tier, dessen Fleisch nicht schmeckt. Fast hat es den Anschein, als wären Aquarien sein eigentliches Zuhause.

21.Juli 2017

Das Dasein als Romantiker

Bin ich wirklich ein Romantiker?! Ich fange mal ganz einfach an. Ein Urmoment des Romantikerdaseins könnte in der Nähe zur Musik bestehen. Musik zu hören und zu spielen – das waren für mich seit der Kindheit die stärksten Erlebnisse. Und welche Musik? Klaviermusik, am liebsten solistisch (ein Orchester war meistens schon zuviel). Und welche Klaviermusik? Die Robert Schumanns, ganz klar. Die „Kinderszenen“, die große „C-Dur-Fantasie“. Mit den „Kinderszenen“ verband ich ein Höchstmaß an Intimität, mit der großen „C-Dur-Fantasie“ ein Höchstmaß an Begeisterung (also an dem, was die Griechen „Enthusiasmus“ nannten). Intimität und Begeisterung waren die Ausdrucksimpulse jener Welten, mit denen ich überhaupt Kontakt aufnehmen konnte. Alles andere blieb lange ausgesperrt, „draußen“, „fremd“.

13.Juli 2017

Der neue Roman

Im Verlagshaus von Kiepenheuer & Witsch wird an diesem Abend mein neuer Roman „Der Typ ist da“ Buchhändlerinnen, Buchhändlern und Medienleuten aus der Kölner Region vorgestellt. Ich spreche darüber, wie der Roman entstanden ist, ich lese eine kurze Passage, der Verleger Helge Malchow moderiert. Und plötzlich ist da der Moment, der mich die nächsten Tage beschäftigen wird. Es ist der Moment, in dem Helge Malchow sich zu mir hindreht und sagt: „Sie sind in erheblichem Maße und in bestem Sinn ein Romantiker!“ Ich?! Ein Romantiker?! Ich möchte die Feststellung sofort bejahen, obwohl mir gar nicht klar ist, was genau ich da bejahen würde. Es ist diese Diskrepanz, die mich zum Nachdenken bringt. Inwiefern bin ich ein Romantiker? Und was ist ein Romantiker? „Das muss ich klären“, denke ich laufend, und am nächsten Morgen geht es weiter und weiter: „Das will ich genauer wissen, ganz genau…“

5.Juli 2017

Literaturfestival Potsdam

Im Brandenburgischen Literaturbüro halte ich einen Vortrag über das Thema „Wie ich arbeite“. Ich zeige Fotos, Manuskripte, Notizhefte, Alben und Skizzenbücher. All die gezeigten Texte sind nicht veröffentlicht und mit der Hand geschrieben. Seit fast sechzig Jahren arbeite ich so, ununterbrochen, und was dabei entsteht, ist ein „Archiv der Zeit“. Darin ist alles Bedeutsame enthalten, das mir begegnet und durch den Kopf gegangen ist: von den chronikalischen Fixierungen der „Tagesverläufe“ über Kommentare zu Zeitungsartikeln bis hin zu den Fotostrecken, die besonders leuchtende (und meist „positiv erlebte“) Momente abbilden. Ich arbeite daran, von dieser persönlichen Werkstatt zu abstrahieren und einige ihrer Elemente auch anderen Schreiberinnen und Schreibern zum Probieren und Testen zu empfehlen. Das Buch, das diese Übungen enthält, soll „Mit dem Schreiben anfangen“ heißen. Es wird im Herbst 2017 erscheinen.

29.Juni 2017

Böttingers Bücher 2

Ich bin gespannt. „Böttingers Bücher“, das neue Sendeformat des WDR, läuft am Montag, 3. Juli 2017, zum ersten Mal (22.40-23.10 Uhr). Bettina Böttinger hat sich mit Frank Schätzing und mir getroffen und an verschiedenen Orten unterhalten. Ich habe den exzessiven Dreh noch sehr gut in Erinnerung (siehe meinen Text vom 3. April 2017), kenne den Film aber noch nicht. Gespannt bin ich darauf, ob man dem filmischen Endergebnis den Dreh ansieht. Tauche ich fertig und kaputt aus den Tiefen der Erde unter dem Dach des Kölner Doms auf? Und wie wurde mein rasendes Beobachten und Schreiben auf dem Kölner Wallrafplatz (Studium der Passanten) in Szene gesetzt?

16.Juni 2017

Noch schönere Ablenkungen

Eine noch schönere Ablenkung nach langer Arbeit an einem Buch besteht in einem einwöchigen Aufräumen sämtlicher Räume, in denen sich Bücher, Texte und andere Hinterlassenschaften des jeweiligen Buchprojekts befinden. Sie müssen rigoros beseitigt, abtransportiert, verschenkt oder vernichtet werden. Die Räume beginnen dann wieder zu atmen – und gieren sofort nach dem nächsten Buchprojekt, das sie beherbergen wollen. Übertroffen wird eine so schöne Ablenkung noch durch den Besuch eines Tennisturniers mit sehr guten Spielern. Man ist acht, neun Stunden auf dem Gelände, sitzt unbeweglich auf einem blauen Plastiksitz, wird von der Sonne beinahe verbrannt und erlebt einen seltsamen Sport. Zwei Menschen treibt es nach jedem Ballwechsel zu ihrem Handtuch und nach jedem zweiten Spiel unter einen Sonnenschirm, den ein Balljunge für sie bereithält. Während der Ballwechsel ist es mucksmäuschenstill, und die Pausen zwischen den Ballwechseln sind fast fünfmal so lang wie die Ballwechsel selbst. Anfeuerungsrufe gibt es nur selten, stattdessen gibt es Zuschauer, die all die viele Zeit in einer merkwürdigen Trance verbringen und am Ende von den Tribünen taumeln, als kämen sie aus einem langen Traum ohne Sieger und Besiegte. Zum Schluss schütteln sich alle die Hände und wünschen sich ein paar gute Tage bis zum nächsten „Match“.

05.Juni 2017

Schöne Ablenkung

Eine schöne Ablenkung nach langer Arbeit an einem Buch ist ein Tag auf der Galopprennbahn Köln-Weidenpesch. Zuschauen, wie die Pferde vor den Rennen herumgeführt werden. Nachlesen, welcher Jockey in letzter Zeit besonders viele Rennen gewonnen hat. Hinzu addieren, aus welchem Rennstall das Pferd kommt. Und das alles durch die letzten Rennen, die das Pferd gelaufen hat, dividieren. Wodurch man eine ungefähre Summe des eigenen Wetteinsatzes erhält. Und fast nie gewinnt.

02.Juni 2017

Beim Friseur

Jedes Mal, wenn ich ein größeres Manuskript beendet habe, gehe ich kurz darauf zum Friseur. Warum? Um rasch wieder „als ein anderer“ zu erscheinen, na klar. Könnte sein. Eher wohl aber, um frische Texte zu hören, die von den vielen Freiheiten und Vergnügungen der Welt handeln. Von ihren Freuden. Von dem ganzen Lebenstamtam. Etwa in der Art: „Ich empfehle Ihnen das kleine Café unten neben dem XY, setzen Sie sich da mal gegen 21 Uhr rein und schauen Sie, wie … Sie müssen da hin, unbedingt, da müssen Sie hin …“ Und ich denke „ja! ja!“ – alles ist besser als Schreibtisch und Stuhl, fast alles …

27.Mai 2017

Ein Paris-Buch

Jahrelang habe ich für ein Paris-Buch recherchiert, in dem ich die alten und neuen Welten „links der Seine“ erkunde. Hunderte von Büchern habe ich gelesen und kurze Parisaufenthalte dazu genutzt, von den Bewohnern vor Ort viel zu erfahren. Aus all diesem Material ist ein seltsames Buch entstanden: Eine Grand Tour durch das alte Herz von Paris als Erlebnisgang ohne Pausen, eine Studie der früheren und heutigen Milieus, eine Erzählung von den Protagonisten und den Erinnerungen, die sich in meinem eigenen Leben mit ihnen verbinden. Heute um 18.14 Uhr habe ich das Manuskript beendet. Im September wird das Buch im Insel-Verlag erscheinen.

18.Mai 2017

Die Klosterbibliothek

Die Klosterbibliothek der alten Zisterzienserabtei Marienstatt im Westerwald (über die ich in Was ich liebe und was nicht geschrieben habe) soll einen Ausbau (Lager) erhalten. Der wird ca. 400 000 Euro kosten. Ich sitze mit Abt Andreas und einer beratenden Bau- und Bibliothekskommission in einem Raum der Abtei, und wir denken darüber nach, wie dieses Geld zu beschaffen wäre. Am liebsten würde ich genau an diesem Ort sofort mit dem Geldsammeln beginnen, zum Beispiel im Verlauf einer Exerzitienwoche für hundert Abteigäste: Askese für alle – und jedweden Überfluss für die Bibliothek.

10.Mai 2017

In tiefer Nacht

Sitze nach einer Lesung in tiefer Nacht allein in einem Bielefelder Hotelzimmer, wie es scheußlicher nicht sein könnte. Und denke, vor mich hin starrend, laufend dasselbe in kleinen Variationen: dass mein ganzes Schreiben auf familiäre Räume fixiert ist. Auf die meiner Großeltern, die meiner Eltern, die meiner eigenen Familie. Dass ich jede winzige Bewegung und Verschiebung in diesen Räumen wie ein Erdbeben empfinde. Dass ich nur mit unendlichen Mühen in die extrafamiliären Räume gelange und mich dort gleich eine starke Panik befällt. Dass ich mich aus ihnen zurückziehe und sofort den nächstbesten Zug besteige, um wieder vor der eigenen Wohnungstür anzukommen. Dass ich ins Haus schlüpfe und sofort eine Kerze entzünde, zum Dank, dass ich wieder einigermaßen unversehrt zurückgefunden habe.

25.April 2017

Taxifahren in Hildesheim

Fahre ich in Hildesheim mit dem Taxi vom Universitätscampus der außerhalb gelegenen Domäne Marienburg zum Hauptbahnhof, erzählen mir die männlichen Taxifahrer in mittlerem Alter fast immer von der Ausbildung ihrer Töchter und Söhne. Sie fragen mich, ob ich die Ausbildungsstätten für okay halte (Informatik in Braunschweig – ist das okay?), oder sie erkundigen sich nach einem Buch, das sie ihren Kindern schenken könnten (etwas „Lehrreiches“, etwas, das „die Welt erklärt“). Taxifahrerinnen erzählen fast nie von ihren Kindern, sondern von besonderen Vorlieben. Wo sie einkaufen, wohin sie gerne einmal verreisen möchten, was sie am Abend noch vorhaben. Von ihnen verabschiede ich mich meist gut gelaunt, von den Taxifahrern in mittlerem Alter jedoch eher so, als gäbe es vielerlei Gründe zu schwerwiegenden Sorgen.

10.April 2017

Sommersemester an der Universität Hildesheim

Im Sommersemester 2017 halte ich Seminare für die Masterstudierenden des Studiengangs Literarisches Schreiben und Lektorieren an der Universität Hildesheim. Themen sind: Asketisches Schreiben (Geschichte, Theorie, Praxis) und Mit dem Schreiben anfangen (Geschichte, Theorie, Praxis). Daneben kümmere ich mich um die Weiterentwicklung der Edition Pächterhaus. Sie ist die Schriftenreihe des Instituts für Literarisches Schreiben und Literaturwissenschaft. Die Studierenden veröffentlichen in dieser Reihe ihre eigenen Texte. Sie lektorieren, sie konzipieren Bücher, sie arbeiten in einem kleinen Verlag, in dem sie Erfahrungen für eine Arbeit in größeren Verlagen sammeln können.

03.April 2017

Böttingers Bücher

Der WDR startet im Sommer eine neue TV-Reihe: Böttingers Bücher. In ihr stellt Bettina Böttinger, die Talkshow-Gastgeberin des Kölner Treff, Autorinnen und Autoren vor, die in Nordrhein-Westfalen leben oder aufgewachsen sind. In der ersten Folge bin auch ich dran, deshalb ist Drehtag in Köln. Und es wird ein Dreh, wie ich noch keinen erlebt habe. So fahre ich in einem windigen Aufzug, der eigentlich für Handwerker ohne Höhenangst bestimmt ist, auf eine turmhohe Plattform außen am Dom. Von dort dringe ich über einen noch windigeren Holzsteg wie ein Tänzer über dem Abgrund direkt unter das Domdach vor. Toll käme es rüber, wenn ich danach mit dem Fallschirm auf die Domplatte segeln würde. Im letzten Moment haste ich in den Aufzug, zurück auf die sichere Erde. Im Anschluss geht es im Eiltempo nach Nippes, dort bin ich aufgewachsen. Und plötzlich stehen wir in genau jener Wohnung, in der ich als Kind mit den Eltern gelebt habe. Und esse später Em Golde Kappes genau jenes Sauerkraut, das ich als Kind dort gegessen habe. Und sitze wenig später im Konzertsaal des WDR an einem Flügel, wo ich den Klavierpart von Mozarts Klavierkonzert KV 491 spielen soll. Um kurz darauf, wunderbar animiert von einem kubanischen Tontechniker und dem Meister aller WDR-Kameramänner, auf dem Wallrafplatz Beobachtungen über Passanten zu notieren. Und sie sofort druckreif mitzuteilen, damit der Tontechniker, der Kameramann und ich synchron an der direkten Beobachtung von Passanten arbeiten können. Zwölf Stunden dauert der gesamte Dreh. Am Folgetag sehen sich alle wieder, um im Abteil eines fahrenden ICE während einer Fahrt von Köln nach Frankfurt weiter zu drehen. Ich darf mit einer großen Schere auf Zeitungsartikel losgehen und später (in der letzten Drehsequenz) Weißwein im Frankfurter Hauptbahnhof trinken. Danach fahre ich (allein) nach Hildesheim, das Semester an der Universität hat begonnen.

13.März 2017

Paris

Seit einiger Zeit bin ich Paris wieder verfallen und fahre oft hin. Die Erinnerungen an meine erste Paris-Reise (1965, zusammen mit meinem Vater) sind noch sehr lebendig. Hinzu kommen die an meinen Studienaufenthalt in den frühen siebziger Jahren. Ich habe ein jahrzehntealtes Paris im Kopf und laufe stur durch seine Terrains (links der Seine). Das wenige Neue mag ich nicht sehen. Wenn ich ihm begegne, schüttle ich widerwillig den Kopf. Paris war einmal eine „zweite Heimat“, nach Rom, das davor „zweite Heimat“ war. Ich fahre nach Paris, um die Geschichte dieser „zweiten Heimat“ zu rekonstruieren. Noch ist es nicht soweit. Aber der Textfluss ist schon in Bewegung, ich spüre es. Wenn er sich konturiert, könnte die Fortsetzung von Die Erfindung des Lebens entstehen. Über die ziellosen Jahre nach dem Romaufenthalt, über Paris und die Jahre am Rhein, südlich von Köln.

02.März 2017

Hanns Dieter Hüsch

In der schönen Hamburger Buchhandlung Felix Jud entdecke ich die ersten Bände einer auf acht Bände angelegten Ausgabe des literarischen Werks von Hanns Dieter Hüsch (erschienen in der edition diá). Das überrascht mich so, dass ich mich hinsetze und mir Zeit zum Lesen nehme. Hüsch habe ich gut gekannt, seine Tochter Anne war in meiner Schulklasse. Als ich ihn live erlebte, nannte man ihn noch einen Kabarettisten, zum Glück war er jedoch keiner. Was war er denn? Ich sehe ihn auf der Bühne im Mainzer Unterhaus. Wie er rasch die Bühne betritt und sich hinter seine kleine Heimorgel setzt. Wie er ein paar Akkorde anstimmt, zu summen beginnt, wie er vor sich hin singt, wie er ins Murmeln ausweicht und die Akkorde verebben lässt, wie er nachdenklich wird und schärfer, wie er sich entrüstet, sich entsetzt, wie er lauter und lauter wird  - und erneut ein paar Akkorde anstimmt und wie er hinüber findet in so etwas wie ein niederrheinisches Chanson. Was für ein wunderbarer Mensch! Immer unterwegs. Den Blick auf den Boden gerichtet. Die eigenen schmalen Pfade im Kopf. Oft allein. Ich freue mich auf diese acht Bände, ein großes Stück meiner Jugend werde ich wieder erleben. Indem ich lese und lese – und ihn singen, murmeln und sich entrüsten höre.

25.Februar 2017

Das Schreibwarenbuch

Ich entdeckte das Buch Schreibwaren aus dem Prestel Verlag, dessen Untertitel (Die Rückkehr von Stift und Papier) mir wie eine Ergänzung zu meinem Roman Der Stift und das Papier erscheinen musste. Was kehrt denn zurück? Die Spitzer, die Notizbücher, die Radierer, die Klebemittel, die Bleistifte und Füller – und das alles in den schönsten Ausführungen. Über zweihundert großformatige Seiten lang geht die Wanderung durch das Reich jener Produkte, die das handschriftliche Arbeiten und Schreiben auf gutem Papier gestalten. Roland Barthes hat einmal davon erzählt, dass er eine manische Verbindung zu Schreibwerkzeugen habe. Er wechsle sie oft, rein zum Vergnügen. Er probiere laufend neue aus. Und er habe so viele Füller, dass er nicht wisse, was er mit ihnen machen solle. Immer wenn er neue sehe, bekomme er Lust darauf und könne nicht umhin, sie zu kaufen. Genau das kenne ich auch, ich bin in Schreibwaren vernarrt. Manchmal reise ich mit einem kleinen Sack, in dem sich die Stifte, Spitzer, Klebstifte, Scheren und Radierer tummeln. Ich greife hinein und ziehe einige an Land und auf den Tisch. Dann geht das Schreiben los, immer mit einer neuen Mannschaft, in einmaliger Besetzung.

19.Februar 2017

Die ideale Lesung

Lesungen beschäftigen mich mehr als ich zugebe, sie machen schließlich einen großen Teil meiner Zeit aus. In diesem Jahr werde ich (geschätzt) vierzig oder fünfzig Mal öffentlich lesen, und jede Lesung wird anders verlaufen. Die Anfahrt, der Rückzug in ein Hotelzimmer, der Auftritt, das Signieren, das „Danach“ mit den Veranstaltern – das sind Momente der Lesung, von denen jeder einzelne für sich steht. Wie sähe eine „ideale Lesung“ aus? Heute habe ich (zusammen mit meinem Lektor Klaus Siblewski) einige Autorinnen und Autoren per Mail eingeladen, sich so eine Lesung vorzustellen. Die Ergebnisse werden wir in einer Anthologie (mit dem Titel Die ideale Lesung) veröffentlichen. Erscheinen soll sie im Herbst, in der Dieterich’ schen Verlagsbuchhandlung (DVB) in Mainz. Das könnte zur Klärung der Frage, wie Autorinnen und Autoren Lesungen erleben und was sie von Lesungen erwarten, etwas beitragen.

08.Februar 2017

Eine Lesung vorbereiten

Heute Abend ist Lesung in Ravensburg. Und wie bereite ich mich auf so etwas vor? Indem ich mittags spät esse und dann den ganzen weiteren Tag nichts. Kurz vor einer Lesung zu essen, würde müde und lustlos machen. Danach zu essen, würde mich in tiefer Nacht nicht einschlafen lassen. Die Kunst besteht darin, tagsüber überhaupt nicht an die Lesung zu denken. Selbst im Zug nach Ravensburg sollte ich noch etwas ganz anderes im Kopf haben. Niemand soll mich dort abholen, denn das würde mich unnötig früh an die Lesung erinnern. Ich werde allein zum Hotel schleichen, mich in mein Zimmer zurückziehen und etwas lesen, das nichts mit mir und der Lesung zu tun hat. Erst eine halbe Stunde vor Beginn werde ich eine kleine Liste von Lesepassagen anlegen, als hätte ich in den letzten Stunden genau darüber nachgedacht. Dann gehe ich zur Lesung und stehe wenig später in einem überfüllten Saal vor vierhundert Zuhörern, die mich so neugierig anschauen, als fragten sie sich wirklich: Na, was wird er denn lesen?

29.Januar 2017

Buchfreunde und Buchnachbarn

Stark lebt mein Buch in mir weiter, wenn ich Buchfreunde und Buchnachbarn entdecke. Das sind Autoren und Texte, die an einem ähnlichen Projekt gearbeitet haben und arbeiten wie ich selbst. So zum Beispiel Juri Andruchowytsch in Kleines Lexikon intimer Städte (Aus dem Ukrainischen von Sabine Stöhr. Berlin 2016), in dem er von Aarau bis Zug von jenen Städten erzählt, die ihm aus den verschiedensten Gründen etwas bedeuten: Schutz, Frieden, Schönheit, Leben.

19.Januar 2017

Korrekturen des Titels

Ich sollte festhalten: Mein letztes Buch hat den Titel „Was ich liebe und was nicht“. Es heißt also keineswegs: „Was ich gerne mag“ und auch nicht „Was ich esse und trinke“ und erst recht nicht „Was ich häufig genieße“ und auf gar keinen Fall „Was ich will und was nicht“. All diese Versionen habe ich in den letzten Wochen zu hören bekommen – und das keineswegs nur von eiligen oder zerstreuten Menschen, sondern von Frauen und Männern, die um ein Interview nachfragen und eigentlich genaue Leserinnen und Leser sein sollten. Was hilft dagegen? Die kleine Rache in Form einer Korrektur, die nun wiederum den Namen des Interviewers unkenntlich macht: Ich danke Ihnen für Ihre Anfrage, Herr Sonnenbrod (wo es doch heißen müßte: Ich danke Ihnen für Ihre Anfrage, Herr Sommerschot)!

14.Januar 2017

Das Hörbuch

Das vor drei Monaten erschienene Buch („Was ich liebe und was nicht“) ist mir bereits so fern, dass ich es mir leisten kann, mein eigenes, von mir selbst eingelesenes Hörbuch während einer Autofahrt als CD laufen zu lassen. Die Stimme hört sich fremd an, es ist nicht meine Normalstimme, sondern die Stimme der Lesung. Sie kümmert sich um jedes Wort, jede Wendung und Phrase. Ich klinge so frisch, als wollte ich mit jedem Satz das Buch bestaunen und feiern. Und: Ja, es stimmt. Damals, als ich das Hörbuch in einem Stuttgarter Studio eingelesen habe, herrschte in mir nichts als Staunen, Feiern und eine geradezu überdrehte Begeisterung. Lies, dachte ich damals, leg Feuer, Dein Text soll glühen…

03.Januar 2017

Reaktionen der Leserinnen und Leser 1

Die lebenspraktische Leserin schreibt eine lebenspraktische Mail: Sehr geehrter Herr O., auf Seite XY Ihres neuen, wunderbaren Werks wird eine Ochsenschwanzsuppe erwähnt. Dürfte ich um eine Liste mit den Zutaten bitten? Am Sonntag erwarte ich große Teile meiner Verwandtschaft und möchte gerne eine Ortheilsche Ochsenschwanzsuppe servieren. Es dankt Ihnen im Voraus – Ihre AB

22. Dezember 2016

Interviews

Interviews werden immer beliebter. Viele Rezensenten bemühen diese Form, um keine Rezensionen schreiben zu müssen. Mit dem Interview wird die Hauptarbeit auf den Autor zurückverlagert. Er muss dafür bereit sein, Rede und Antwort stehen – und er muss das Interview (nachdem es abgetippt und ihm zugeschickt wurde) „autorisieren“. Was bedeutet: Er muss es umschreiben, korrigieren und viel Zeit auf Texte verwenden, in denen er selbst über sein eigenes Buch spricht. Das Interview ist die Kurzversion einer Verdopplung: Das Buch als Instant-Mix. Sollte man, um ehrlicher zu sein, die Fragen nicht gleich dem Autor überlassen? Damit er auf Fragen antwortet, die ihn weiterbringen und nicht vom Erwarteten handeln?

18. Dezember 2016

Die Biographie eines Buches

Man könnte die Biographie eines Buches schreiben. Dann müsste man mit der Inkubationsphase (erste Ideen, Notate, Entwürfe, Planungen) beginnen. Wird die Inkubationsphase aktiviert, beginnt die Phase der Ausarbeitung (Entwürfe straffen, Textanfänge schreiben, sich auf eine Komposition festlegen, kontinuierlich weiterschreiben). Darauf folgt die Phase der Überarbeitung (Kürzungen, Reinschrift), die übergeht in die Phase des Lektorats (Korrekturen von außen). Es folgen der Druck und das Erscheinen des Buches an einem bestimmten, vom Vertrieb des Verlags seit langem festgelegten Tag. Mit dem Vorabexemplar ist das Buch in der Öffentlichkeit und schließlich auch im Handel. Die Phase der Lesungen und der Rezensionen beginnt. Begleitet wird sie von der Phase der Interviews und der internen und externen Gespräche über das Buch. Es folgt die intensive Phase der Rückmeldungen (aus dem Verlag, von einzelnen Lesern, von sogenannten „Experten“, die sich vertraulich, aber nicht öffentlich äußern). Längst arbeitet man am nächsten Buch, die Erinnerung an das gerade veröffentlichte verblasst. Es macht sich selbständig, reist, wird übersetzt, geht ein in die kulturellen Debatten, wird zitiert. Mit den ersten Zitaten im öffentlichen Diskurs ist seine Autonomie vollends erreicht.

09. Dezember 2016

Lesungen

Hoch interessant sind die Beobachtungen der direkten Leserreaktionen während der vielen Lesungen seit der Buchmesse: Die Zuhörer in Dresden reagieren in der Tat völlig anders als die in München, Osnabrück oder Paderborn. In Paderborn waren die Leser am Stillsten, so dass ich sie während meiner Lesung schon im Verdacht hatte, verschwunden zu sein. Doch ausgerechnet in Basel (wo ich mit einem ebenfalls ruhigeren Publikum gerechnet hatte) verlief die sogenannte „Interaktion“ zwischen lesendem Schriftsteller und zuhörenden Lesern so intensiv, vielstimmig und temperamentvoll, als hätten fast alle Zuhörer zu mir nach oben auf die Bühne springen wollen, um dort mit mir den Text zu tanzen.

07. Dezember 2016

Ein Literaturpreis

Ich habe den Hannelore-Greve-Literaturpreis der Hamburger Autorenvereinigung erhalten. Bürgermeister Scholz hat im Hamburger Rathaus die Begrüßungsrede gehalten. Auch er hatte seine Freude u.a. an „Was ich liebe und was nicht“, speziell an „Kutteln mit grünen Oliven“: zum Grußwort

22. November 2016

Eine Unterscheidung

Schreibe ich an einem Roman, bin ich oft jahrelang im Gehäuse dieses Textes gefangen. Ich muss Stil und Erzählton über Hunderte von Seiten beibehalten, ich muss meinen Figuren Schritt für Schritt folgen, ich muss Räume und Zeiten allmählich aufbauen und weiter entwickeln – all das legt mich fest und lässt mir keine großen Freiheiten.
Die Arbeit an „Was ich liebe und was nicht“ verlief anders. Die meisten Texte sind nur wenige Seiten lang und ergeben als ganzes eher ein Kaleidoskop und keine allzu strenge Komposition. Verlockend war diesmal das Ausprobieren vieler Stimmen: Monologe, Dialoge, Zwiegespräche, Gedichte, Reportagen, Interviews, Erzählungen, Essays – all diese literarischen Formen sind – je nach Bedarf – vertreten und ergeben ein abwechslungsreiches Porträt verschiedener Lebensmomente. Auch deshalb hatte das Schreiben dieses Buches etwas Befreiendes.

24. Oktober 2016

Fremdgegangen

Ich versuche, wieder in meine Wälder und Gärten zurück zu finden. Es ist, als wäre ich in Frankfurt „fremdgegangen“.

20.-22. Oktober 2016

Buchmesse Frankfurt

Ich war einige Jahre nicht auf der Buchmesse, umso größer ist der erste Schock beim Besuch in diesem Jahr. Warum bin ich nicht in meinen Wäldern und Gärten geblieben, anstatt mich diesem Dahintreiben von Zigtausenden von Menschen auszusetzen, für die das Thema Buch ein Vorwand für allerhand Unterhaltung ist? Was um Himmels willen soll ich hier? Die Gespräche sind meist von extremer Kürze: „Seit wann bist Du da?“ Und eine Minute später: „Und wann fährst Du ab?“
Ein Fokus der Beobachtung sind die gleichaltrigen Autorinnen und Autoren: Wie geht es der oder dem? (Schleppender Gang? Tiefe Falten? Dramatischer Haarausfall?) Wie gut, dass zumindest mein Lektor (Klaus Siblewski) ein Mensch ist, der sich in Jahrzehnten nicht verändert hat und in der alten stoischen Ruhe unterwegs ist. In regelmäßigen Abständen laufe ich ihn an und hoffe, dass er mich wiedererkennt. (Fragt er: „Geht es Dir gut?“ ist eindeutig etwas nicht in Ordnung.) Meine eigene Frau (in ihrer Tätigkeit als Verlegerin) erkenne ich dagegen schon nach kurzer Zeit nicht mehr wieder. Sie hat sich voll und ganz in ihren Beruf verabschiedet, ich verstehe ihre Sprache nicht mehr, sie ist mir recht fremd geworden.
Ein schöner Moment ist aber der, als ich einen Ortheil-Leser am Stand des Luchterhand-Verlages entdecke. Er liest hoch konzentriert in einem meiner Bücher. Schwarze Brille, ein schwarzes Jackett, schon auf den ersten Blick ein kluger, geistreicher Mann. Natürlich spreche ich ihn nicht an, sondern beobachte in regelmäßigen Abständen aus der Ferne, wie er mit meinem Buch weiterkommt. (Nach beinahe einer Stunde Lektüre nimmt er sich ein zweites vor, was ich nun beinahe schon ergreifend finde.)
Sonst aber liegt über allem ein ununterbrochenes, lautes Rauschen, ein gewaltiger Stimmenschwarm mit enormer Frequenz. Er löscht jeden halbwegs stabilen Gedanken sofort wieder, so dass ich aus den Messehallen oft hinaus ins Freie flüchte. Immerhin gibt es dort einen Stand mit Bordeaux-Weinen. Was nehme ich? „Lebhaft und fruchtig“? „Spritzig und fein?“ Nein, das alles nicht. Ich nehme: “Rund und strukturiert“.

18. Oktober 2016

Im Garten 1

Ich mag es, wenn ein Haus direkt in den Garten übergeht. Wenn es nichts Abgeschlossenes, Festes, Dominantes hat, sondern zum Garten hin offen ist. Ein kleiner Schritt hinaus – und man steht im Grün, und die verschiedensten Pflanzen, Sträucher und Bäume erscheinen einem wie Lebewesen, die sich um einen scharen. Kein „Haus“ also, sondern ein „Gartenhaus“, durchlässig, in den wärmeren Jahreszeiten nach zwei Seiten hin offen, so dass der Garten in ihm weiterlebt und anwesend ist.
In meinen Augen ist er ein intensiver Lebensraum, in dem sich das allmähliche, kontinuierliche Vergehen von Zeit beobachten und ablesen lässt wie nirgends sonst. Seine „Lebewesen“ reagieren in unglaublich feiner und exakter Manier auf Licht oder Feuchtigkeit. Sieht man solche Veränderungen von Tag zu Tag, wird dieser Naturraum der Jahreszeiten zur innersten Zelle des eigenen Lebens. Man „hat“ keinen Garten, sondern der Garten „hat“ einen. Man lebt mit ihm, er ist der Atem und das Herz alles anderen Daseins.

16. Oktober 2016

Waldspaziergang 1

Die Waldspaziergänge am frühen Abend können gar nicht lange genug dauern. Die Jogger sind endlich verschwunden, und auch die Downhill-Raser sind abgezogen. Keine Tiere mehr, keine Vogelsignale, sondern eine leichte Anspannung, kurz vor dem Kipp in die Nacht und das Dunkel. Frühherbststimmung. Die Blätter der Bäume und Sträucher noch ohne starke Färbung, das morbide Grün entrückt, auf Distanz, nicht mehr kraftvoll oder lebendig. Eine seltsame Starre: als zöge sich alles Leben langsam zusammen. Dazu die feine Kühle, ein statisches Gleichgewicht, keine wärmeren oder kälteren Parzellen, sondern das einheitliche Lagern einer Frische, die der Kopf als etwas sehr Angenehmes, Konstantes erlebt. Längst reichen die Sonnenstrahlen tagsüber nicht mehr bis tief hinunter in diese allmählich ausdorrenden Zonen, die schon vom Winter handeln, aber den Abstand zu ihm noch in feinen Nebelbänken markieren. Sie liegen am späten Abend auf den weiten, offenen Wiesen, die aussehen wie Metaphern der Träume, mit denen man sich in die Nacht zurückzieht. Komm heim, geh endlich nach Hause, morgen verlierst Du Dich noch eine Stunde früher am Abend in Deinen Wäldern…

14. Oktober 2016

Das Vorabexemplar

Heute, gegen 12.21 Uhr, bringt mir der Postbote (in seinem gelben Renault Kangoo) das Vorabexemplar meines neuen Buches („Was ich liebe – und was nicht“). Zwischen Buchfolie und Buch steckt gut sichtbar eine handgeschriebene Glückwunschkarte meines Verlegers, der dieses Buch hemmungslos lobt und ihm allen nur erdenklichen Erfolg wünscht. Ich ziehe die Folie ab und stecke die Karte hinten ins Buch, mal sehen, welche Wirkung sie in den nächsten Wochen entfaltet. Dann bin ich allein mit all den Seiten, an deren genauen Inhalt ich mich kaum noch erinnere (diese Texte wurden vor vielen Monaten geschrieben).
Was mache ich nun damit? Ich bin im Besitz eines Buches, das an diesem 14. Oktober 2016, 12.21 Uhr, kein anderer Mensch außer mir wirklich besitzt. Es liegt noch in keiner Buchhandlung aus, und noch kein Rezensent hält dieses Buchexemplar in den Händen (sondern hat höchstens bereits die Druckfahnen gesehen). Ich habe große Lust, dieses Buch sofort zu lesen. Mal sehen, was mir alles so eingefallen ist und wie es jetzt auf mich wirkt. Soll ich mich in mein Arbeitszimmer zurückziehen? Nein, das wäre lächerlich. Aber wo sollte ich es sonst lesen? Unter Menschen, in der Stadt, da, wo viel los ist!
Und so packe ich das Vorabexemplar in meine alte Umhängetasche, stecke noch einen Notizblock und einige Bleistifte ein und gehe hinab ins Tal zur nächsten Straßenbahnlinie, die mich in die Innenstadt bringt. Ich setze mich in ein Café und lese dort in Ruhe mein eigenes Buch. Es ist ein königliches Gefühl, als wäre man im Besitz eines geheimen Schatzes, den niemand kennt und um den auch niemand weiß. Während der Lektüre mache ich mir Notizen, als wäre ich ein Kritiker, der eine Rezension schreiben muss. Nach etwa einer Stunde wechsle ich (schon etwas euphorisiert) in die große Markthalle und lese in den Markthallenstuben bei einem Glas Wein weiter.
Ich lese den gesamten Nachmittag bis tief in den Abend an wechselnden Schauplätzen der Stadt. Am Ende habe ich mir große Teile des Buches einverleibt, langsam und voller Genuss, wie ein Menu mit vielen unterschiedlichen Gängen. Jetzt kann ich damit auf Lesereise gehen, denn erst jetzt kenne ich es wenigstens einigermaßen und weiß: was in ihm steckt und was nicht.

13. Oktober 2016

Vokabeln der Zeit 1

Der Sternekoch, der die Gerichte von drei Kandidatinnen einer Kochshow testet, begutachtet das erste Gericht: „Toll die Polenta, sehr gut, gar nicht bröselig, grieselig oder fest wie Zement, sondern fluffig, richtig fluffig!“ Dann das zweite: „Oh mein Gott! Diese Rösti sind ja ein Wahnsinn! Leicht krustig am Rand und dünn wie gebräunte Haut! Und in der Mitte hellgelb und schön fluffig, richtig fluffig!“ Schließlich das dritte: „Geil, eine richtige Überraschung! Kartoffelsalat, den man essen kann! Nicht klebrig oder matschig, sondern mit winzigen Zwiebelstückchen und hauchzarten Gurkenscheibchen – und genau das macht ihn so fluffig, richtig fluffig!“ Zum Abschluss der Verkostung zieht er seine blendendweiße Kochjacke mit der 6-Knopfloch-Form und den Gehschlitzen im Rücken ein wenig straff und dreht sich zur Seite. Er ahnt, dass er seinen Fluffy-Ansprüchen selbst nicht in allem genügt. Die Jacke spannt, und der Kragen kragt etwas zu dominant. Und so glaubt man, ihn innerlich seufzen zu hören: „Durchatmen, Alter! Gib etwas nach! Schön fluffig bleiben, immer schön fluffig!“

12. Oktober 2016

Ernte

In diesem Herbst erscheinen von mir drei neue Bücher:
1) Ein Buch über meine Gewohnheiten, Passionen und Rituale - und darüber, wie und warum sie sich in den letzten Jahrzehnten herausgebildet haben (Was ich liebe und was nicht – Luchterhand),
2) Ein Buch mit Textstellen zum Thema Glauben, die ich aus meinen Werken ausgewählt und kommentiert habe (Glaubensmomente – btb) und
3) Ein Buch über einen meiner Lieblingsschriftsteller (Henry James) und darüber, warum er immer wieder nach Venedig gereist ist und wie er von den Geheimnissen dieser Aufenthalte erzählt und in wunderbaren Briefen an seine Freundinnen und Freunde berichtet (Henry James: In Venedig. Begleitet von Hanns-Josef Ortheil – Dieterich´sche Verlagsbuchhandlung Mainz).

02. Oktober 2016

Adorf blickt zurück

Ich las, dass Mario Adorf sich bei sich selbst beschwerte: Er habe einige interessante Filmrollen (etwa in einem Film von Billy Wilder) aus Arroganz oder Dummheit nicht angenommen. Das bereue er inzwischen. Und was bereue ich?
1) Dass ich als junger Mann von etwas über zwanzig Jahren aus dem Training bei einer guten Basketballmannschaft aus lauter Horror vor dem Mannschaftsgetue ausgestiegen bin.
2) Dass ich das Angebot eines Filmteams, in einem Schumann-Film den jungen Robert Schumann zu spielen, nicht angenommen habe.
3) Dass ich meine starke Neigung zu Film und Kino nie in konkrete Filmprojekte (als Regisseur) umgesetzt, sondern alles dem Schreiben unterworfen habe.
4) Und schließlich (und am meisten): Dass ich die Pianistin Martha Argerich bei einer überraschenden Begegnung im Salzburger Hofgarten nicht zu einem langen Spaziergang eingeladen habe, obwohl sie sich genau das gewünscht hatte.

26. September 2016

Video: Kochen