Hanns-Josef Ortheil

Hanns-Josef Ortheil wurde 1951 in Köln geboren. Er ist Schriftsteller, Pianist und Professor für Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus an der Universität Hildesheim. Seit vielen Jahren gehört er zu den bedeutendsten deutschen Autoren der Gegenwart. Sein Werk wurde mit vielen Preisen ausgezeichnet, darunter dem Thomas-Mann-Preis, dem Nicolas-Born-Preis, dem Stefan-Andres-Preis und zuletzt dem Hannelore-Greve-Literaturpreis. Seine Romane wurden in über zwanzig Sprachen übersetzt. Mehr über die professorentätigkeit von Hanns-Josef Ortheil

Interview

12. März 2017 Dritte Folge
Heinz-Jürgen Dambmann telefoniert mit Hanns-Josef Ortheil

Dieses pralle Vorfrühlingswetter macht mich nervös…

Mich nicht. Ich gehe einfach in den Garten und grabe so lange das nächstbeste Beet um, bis ich müde bin.

Ich werde zum Training der 05er gehen, das hilft auch.

Da stehst Du aber nur rum. Was ist daran so interessant?

Die Hintergrundnews, die an den Rändern so abfallen. Der neue Mainzer Stadtschreiber mag zum Beispiel keinen Fußball. Über so was regen die Spieler sich auf. Dass er seine Abneigung laut verkündet und stolz darauf ist.

Wie heißt er denn?

Abbas Khider. Er ist vierundvierzig und vor einigen Jahren aus dem Irak geflohen. Inzwischen spricht und schreibt er perfekt Deutsch.

Und weiter?

Er sei charmant, witzig und rauche Filterzigaretten, schreibt meine geliebte Boulevardpresse.

Und was schreibt die regionale?

Er sei politisch, amüsant und reflektiert. Die Kulturdezernentin hat ihn in einer Begrüßungsrede vor den Mainzer Weinorgien gewarnt.

Und was sagt er selbst?

Dass er Wein mag. Und dass Exilliteratur immer eine Art Trauer sei, er aber nicht trauern und damit kein Opfer sein wolle.

Und was hast Du für einen Eindruck?

Das ist ein kluger, humorvoller Mann. Ich werde seine Bücher lesen, eins nach dem andern.

Und womit fängst Du an?

Mit dem neusten Roman, „Ohrfeige“ heißt er.

Sag mir Bescheid, ob ich ihn auch lesen soll. Hier in Stuttgart ist übrigens wieder Feinstaubalarm.

Und das bedeutet?

Dass ich zu Fuß runter in die Stadt gehe und am Abend durch die Gärten wieder zu Fuß zurück.

Und wohin gehst Du?

In den Heslacher „Ochsen“. Der hat seit einiger Zeit wieder geöffnet. Mit neuem Besitzer.

Da haben wir früher mal astreinen scharfen Winzergulasch gegessen und guten Württemberger dazu getrunken.

Jetzt gibt es da „Geröstete Tomatensuppe mit Sonnenblumenkern-Zigarillo“ oder „Fangfrischen Fisch mit karamellisiertem Fenchel, Knusper-Reis und würzigem Orangenjus“. Und das alles, wie es sich anhört: sehr preiswert.

War das nicht mal eine Stammkneipe von Ulf Stolterfoht?

Allerdings. Erinnerst Du Dich an seinen legendären Gedichtband? „holzrauch über heslach“?

An jedes Wort. Ein Meisterwerk! Das Beste, was je über Heslach geschrieben wurde.

Ulf hat einen eigenen Verlag gegründet, die „Brueterich Press“. „Schwierige Lyrik zu einem sehr hohen Preis“, nennt er das.

Ich komme nach Stuttgart. Ulf in der alten „Heslacher Weinstube“ treffen und den neuen „Ochsen“ links liegen lassen.

14. Oktober 2016. Zweite Folge
Heinz-Jürgen Dambmann interviewt/ spricht mit/ telefoniert mit Hanns-Josef Ortheil

Gerade habe ich mal nachgerechnet: Wir kennen uns jetzt seit fünfzig Jahren!

Wirklich?!

Vor genau fünfzig Jahren kamst Du in die Mainzer Schulklasse, mit der ich bereits viel Zeit verbracht hatte. Du warst der Neue und trugst einen entsetzlich bunten Pullover!

Das weißt Du noch?

Weiß, mit vielen bunten Punkten, ganz seltsam, irgendwie irritierend. Keiner von uns trug einen solchen Pullover. Und Du hattest einen stark Kölschen Akzent!

Der mir das Leben in Mainz nicht gerade leicht gemacht hat.

Ach was, übertreib nicht! Wir haben Dich mit offenen Armen empfangen, wir waren richtig freundlich und gut zu Dir! Nach zwei Tagen Schule hast Du bereits mit uns Fußball spielen dürfen, nachmittags, oben am Bruchweg.

Stimmt, Sport war sehr wichtig in dieser Mainzer Oberstufenklasse. Im Grunde war es das Wichtigste überhaupt. Alle machten Sport, irgendeinen, und alle machten das passioniert und nicht nebenbei. So etwas kannte ich nicht. Ich spielte zwar gerne Fußball, aber nicht ernsthaft, eher versuchsweise.

Sehr versuchsweise. Das sah man Dir richtig an. Du bist ja eher über den Platz geschlendert als richtig mitzuspielen.

Ich hatte keine Lust, viel zu laufen. Ich hatte nur die Günter Netzer-Nummer drauf: Kurze Sprints, immer wieder durchatmen und den Platz gehend durchmessen.

Und Du warst kein richtiger Fan. Wir waren alle Fans, natürlich von den 05ern. Du aber warst höchstens interessiert, aber kein wirklicher Fan, mit Haut und Haaren. Mit Dir ein Spiel der 05er anzuschauen, war kein großes Vergnügen. Du hast über das Spiel so geredet, als diktiertest Du eine Buchkritik. Das war nervig.

Damals war Mainz 05 aber nicht mal im Ansatz der gute Verein von heute. Die Spiele waren langweilig und entsprechend wenig besucht, gib es ruhig zu. Man stand in einer schütteren Kurve und musste sich zwingen, das Spiel zu verfolgen. Ich konnte mir die Namen der Spieler nicht merken, selbst den des Trainers habe ich laufend vergessen.

Das könnte Dir jetzt nicht mehr passieren. Der jetzige Trainer ist zum Beispiel gerade heute in aller Munde, die ganze Stadt spricht von ihm.

Und warum?

Er hat sich von seiner Freundin getrennt. Vier Jahre war er mit ihr zusammen. Sie ist ein Curvy-Model, 27 Jahre, mit Konfektionsgröße 42. Er ist 49.

Woher weißt Du denn das?

Ich lese die Boulevard-Blätter, und ich höre mich um. Heute habe ich ein Interview mit Curvy gelesen, nicht über die Trennung, sondern darüber, warum Fußballer so häufig mit Models liiert sind.

Und was meint sie?

Dass erfolgreiche Spieler attraktiv auf Frauen wirken und Models eben Männern gefallen. Das ist natürlich banal, aber hast Du eine bessere Erklärung?

Vielleicht: Erfolgreiche Spieler sind nicht nur reich, sondern auch relativ jung. Und das gibt es gar nicht so häufig: als relativ junger Mann reich zu sein - und dazu auch noch topfit. Für ein paar Jahre genießen die beiden sowas. Man hat eine „gute Zeit“ zusammen, dann geht’s auseinander.

Die hatten wir beide auch, fünfzig Jahre, einwandfrei, eine wirklich gute Zeit.

Finde ich auch. Ein Grund zum Feiern! Aber wann?

Nach einem Sieg der 05er, den wir gemeinsam im Stadion erleben. Ohne Deine Kommentare, einfach so, als wirkliche Fans. Das kleine Fußball-Kapitel in Deinem neuen Buch („Was ich liebe und was nicht“, HJO) ist übrigens gar nicht so schlecht.

Soso …

Hätte ich Dir gar nicht zugetraut ...

Noch so ein Satz – und wir lassen das Feiern …

Bis zum nächsten Mal. Ich sage nichts mehr …

1. Oktober 2016, Erste Folge
Heinz-Jürgen Dambmann interviewt Hanns-Josef Ortheil

Stellen wir uns vor: eine Leserin oder ein Leser hat noch kein einziges Buch von Dir gelesen. Mit welchem sollte sie oder er anfangen?

Mit dem autobiografischen Roman »Die Erfindung des Lebens«! Darin erzähle ich meine Kindheits- und Jugendgeschichte von den frühen 50er Jahren bis zu der Zeit, als ich etwa zwanzig Jahre alt war. Alle späteren Motive und Themen meines Lebens tauchen hier auf und sind bis zu den Wurzeln hin zu verfolgen.

Wie zum Beispiel?

Wie zum Beispiel das ungewöhnliche Schweigen als Kind, das in den Jahren zwischen dem vierten und siebenten Lebensjahr dazu geführt hat, dass ich kein Wort gesprochen und mich zusammen mit meiner ebenfalls stummen Mutter isoliert habe. Ein solcher Rückzug prägt das gesamte Leben, bis in jede Nuance. Es führt etwa zu besonders scharfen Beobachtungen, die alles, was gerade in der jeweiligen Umgebung geredet, besprochen oder verhandelt wird, hochgradig aufmerksam verfolgen. Das wurde ich ein Leben lang nicht los, ich bin ewig ein sehr leidenschaftlicher Beobachter gewesen und geblieben.

Und wie würde es mit den Lektüren dann weitergehen?

Ich würde den Roman »Der Stift und das Papier« anschließen. Er spielt ebenfalls in meinen ersten zwanzig Lebensjahren und geht einem einzigen, für mich zentralen Thema nach: Wie ich auf sehr kuriose und seltene Weise schreiben lernte. Einen vergleichbaren Schreibunterricht wie den durch meinen Vater kenne ich nicht, er war ein Glücksfall. Und er hat, ohne es je zu beabsichtigen, die Grundlagen dafür gelegt, dass ich seit über 25 Jahren an der Universität Hildesheim Kreatives und Literarisches Schreiben unterrichte.

Du wolltest eigentlich aber doch Pianist und keineswegs Schriftsteller werden?

Ja, genau, der große Traum war eine Pianistenkarriere. Davon und auch darüber, warum und wie diese Karriere scheiterte, erzähle ich in der »Erfindung des Lebens«. Während meiner Pianistenausbildung habe ich aber bereits täglich sehr viel notiert, nur für mich, ohne den Anspruch, es jemals zu veröffentlichen.

Du hast als Kind bereits Reisetagebücher von erheblicher Länge geschrieben, deren Lektüre mich geradezu sprachlos gemacht hat.

Zwei sind inzwischen veröffentlicht: »Die Moselreise« und »Die Berlinreise«. Beide Bücher erzählen von Reisen, die ich in den frühen sechziger Jahren zusammen mit meinem Vater gemacht habe. Es sind sehr ungewöhnliche Raumerkundungen, da hast Du recht, aber man versteht sie besser, wenn man die Vorgeschichten (aus der »Die Erfindung des Lebens« und »Der Stift und das Papier«) kennt.

Das alles gehört zum großen autobiografischen Komplex Deines Schreibens. Welche weiteren Themen und Formen würdest Du noch unterscheiden?

Es gibt eine Folge von Liebesromanen, die sich in ihrer Anlage stark aufeinander beziehen. Wäre ich ein Leser meiner Bücher, würde ich sie in dieser Reihenfolge lesen: 1) »Die große Liebe«, 2) »Das Verlangen nach Liebe«, 3) »Liebesnähe«. Der Roman »Die große Liebe« ist das Urbuch, in ihm erzähle ich davon, wie zwischen zwei Menschen eine sehr intensive Liebesbeziehung entsteht. Schritt für Schritt. Ohne Störungen von außen. Wie in einem geschlossenen Kosmos, der nach außen hin abgedichtet ist.

Die autobiografischen Bücher, die Liebesromane - es gibt aber auch Romane, die man Zeitromane oder Gesellschaftsromane nennen würde.

Ich hatte eine Zeitlang (in den später 80er und frühen 90er Jahren) eine Art Balzac-Fieber: „Gesellschaft“ beschreiben, soziale Umbrüche, neu entstehende Figuren und Biografien… Der Roman »Schwerenöter« erzählt in einem solchen Balzac-Rausch die Geschichte der Bonner Republik von den Nachkriegsjahren bis zum Einzug der Grünen ins Parlament. Und der Roman »Agenten« beobachtet einen neuen Jugendtypus, wie ich ihn in den späten 80er Jahren in Wiesbaden kennengelernt hatte: Hoch arrogante, aber auch entsprechend sentimentale Snobbies, die sich vor allem im Medienmilieu herumtrieben und sich für junge Götter und direkte Nachfahren von Scott Fitzgerald hielten.

Ich würde auch das literarische Tagebuch »Blauer Weg« zu diesen Gesellschaftsromanen zählen.

Als ich an »Blauer Weg« schrieb, war ich vom Fieber des panoramatischen, großen Gesellschaftsromans aber bereits etwas geheilt: Ich erzählte „Gesellschaft“ und „Geschichte“ aus der Ich-Perspektive, in kurzen Fragmenten. Nur so ließ sich einfangen, was ich ganz persönlich und direkt in den späten 80er Jahren im Zuge der Wiedervereinigung erlebt hatte.

Damit sind erstmal drei große Komplexe Deiner Arbeiten skizziert. Doch wir stehen erst am Anfang…

(Heinz-Jürgen Dambmann arbeitete lange für die Mainzer Allgemeine Zeitung. Er ist mit Hanns-Josef Ortheil seit gemeinsamen Schuljahren eng befreundet und lebt heute als Kulturkorrespondent in Mainz. Die beiden Freunde telefonieren alle paar Tage.)

Video: Köln

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