Hanns-Josef Ortheil

Ich will von meiner Werkstatt erzählen, Schritt für Schritt. Ich will beim Einfachsten anfangen und danach versuchen, die Architektur eines Baus zu beschreiben. Dieser Bau hat sich seit der Kindheit ohne große Planungen wie von selbst ergeben und entwickelt.

12. März 2017

Werkstatt Folge 2: Die Ursuppe

Ich erzähle weiter von meiner Werkstatt, Schritt für Schritt. Auf den leeren Schreibtisch (rechteckig, vor einem Fenster mit Blick in die Ferne) lege ich frühmorgens das DIN A4-Blatt eines Schreibtischplaners (im Querformat). Ganz nach links oben notiere ich den Wochentag und das Datum. Dann warte ich auf das Gestöber im Kopf: Ideenfunken, Nachtreste von Träumen, Nachrichten des vergangenen Tages. All das hat mit den literarischen Arbeiten für einen späteren Druck nichts zu tun. Es ist vielmehr die Ursuppe des Tages, das Gemenge von kleinen Themen, die das Hirn im weiteren Tagesverlauf ordnet und umgruppiert. Das Gestrige verschwindet langsam, neuste Nachrichten treten an seine Stelle. Jemand ruft mich an, und ich lasse mich auf das Telefonat ein, weil ich von diesem Jemand etwas erwarte. Eine winzige erfrischende Perspektive. Das Aufstoßen einer schmalen Tür zu einem vertrauten, aber neu und anders zugänglichen Gelände. Brodelt die Hirnsuppe, rufe ich sogar selbst jemanden an und tue so, als hätte auch ich lauter schmale Türchen zu bieten.

All diese blitzartigen Hirnprozesse protokolliere ich. Ich nummeriere sie durch und schreibe so merkwürdige Sätze wie: „9.36 Uhr, Anruf HJD. Ob er ein Foto des Hochaltars der Josefskapelle in Mainz schicken solle? Ein wunderschöner barocker Altar, den er gestern zum ersten Mal gesehen habe und von dem er annehme, dass ich ihn nicht kenne. Ich bitte HJD, drei Fotos zu schicken: Frontal und von beiden Seiten.“ An guten Tagen ist die DIN A4-Seite (Querformat) bereits am frühen Mittag voll, an sehr guten Tagen fülle ich drei Seiten mit Tagesprotokollen. Später markiere ich die wichtigen, die Spreu lasse ich unmarkiert stehen (sie ist das Beste). Bei alldem kommen an jedem Tag andere Stifte zum Einsatz. Bleistifte, Faserschreiber, Kugelschreiber, Füller … ich besitze eine große Heerschar, die ich an jedem Abend in einen Sack sperre, um ihn am Morgen auf dem leeren Tisch auszugießen. Der Zufall spielt also mit, die Tagesprotokolle der Ursuppe sind Surrealismus.

12. März 2017

Werkstatt Folge 2: Die Ursuppe

27. September 2016

Werkstatt Folge 1: Der Tisch

Von den Anfängen habe ich in dem Roman »Der Stift und das Papier« erzählt. Das Einfachste dieses Anfangs ist ein leerer Tisch. Es ist der Tisch, an den ich im besten Fall Tag für Tag zurückkehre, um an ihm zu arbeiten. Dadurch hat er etwas stark Heimatliches, egal, wo er sich gerade befindet. Er hat aber auch etwas von Zuflucht und Isolation. In seiner Umgebung ist es zumeist totenstill. Wenn ich von ihm aus aufschaue, sehe ich oft in eine weite Ferne. Das ist immer so gewesen: Ein kleiner Stuhl, ein großer, anfänglich leerer Tisch, der Blick in die weite Ferne. Als wäre genau das die Urkonstellation meines Lebens: Dass ich an einem Tisch sitze, kurz in die Ferne schaue und mich danach in eine äußerste Nähe (zu mir selbst und den wenigen Dingen um mich herum) zurückziehe. Heimat, Zuflucht, Rückzug – das ist der Tisch. Ich schmücke ihn nie. Keine Fotografien, keine Blumen, keine Erinnerungsstücke.

Mein Tisch ist immer leer, auch später, wenn sich längst die ersten Schreibmaterialien auf ihm befinden. Die Tischplatte ist das große Rechteck, das die kleinen Rechtecke der Seiten rahmt und hält. Wenn ich davor sitze, lebe ich in den Verhältnissen dieses Rechtecks. Hinter mir ist nichts. Vor mir ist bald auch nichts mehr, denn die weite Ferne wird während der Arbeit immer undeutlicher und verschwimmt schließlich. Was den Tisch manchmal einzig begleitet, ist sehr leise Musik. Sie gesellt sich zum Tisch, sie ist sein Abstraktes. Die Klänge, die ich höre, haben sich an den Rändern des Tisches festgemacht. Sie überschwemmen oder berühren seine Fläche nie. Sie tanzen und wirbeln an den Rändern entlang. Meist jedoch prägen sie die Ränder, die sie als Grenzen markieren. Das Rechteck der Schrift und die Ränder der Noten – das sind die Auftraggeber meiner Werkstatt.

26. September 2016

Werkstatt Folge 1: Der Tisch

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