Der von den Löwen träumte

Der von den Löwen träumte

Roman
Hemingway in Venedig

Info

Als Ernest Hemingway 1948 nach Venedig reist, ist er in einer schweren Krise. Starke Depressionen haben dazu geführt, dass er lange keinen Roman mehr veröffentlicht hat. In der Einsamkeit eines Landhauses in der Lagune versucht er, wieder zum Schreiben zu finden. Halt gibt ihm die Freundschaft zu einem jungen Fischer, der ihn auf der Entenjagd begleitet. Aber auch die Liebe zu einer achtzehnjährigen Venezianerin führt ihn ins Leben zurück. Langsam entsteht ein Venedig-Roman, während der junge Fischer die Atmosphären einer ganz anderen Geschichte wittert: Die von einem alten Mann und seiner Liebe zum Meer…

Pressestimmen

»Das ist spannend bis zur letzten Seite, selbst wenn man das Ende kennt. Kein Mord geschieht, aber Literatur entsteht.«
Alexander Solloch / NDR Kultur, 060100.11.2019
»Ortheil ist wieder ein Roman gelungen, der Sehnsucht weckt und ein außerordentliches Lesevergnügen bereitet. Ein wirklich großartiges Buch, das seinesgleichen sucht.«
Andreas Wallentin / WDR 5, 300100.11.2019
»Ortheil erzählt dies alles so geduldig, dass man die philosophische Tiefe und die lebenskluge Ironie dahinter kaum mitbekommt.«
Dirk Schümer / Die Welt, 070100.12.2019
»Eine wunderbar zu lesende Zeitreise in eine Venedig-Welt fern der heutigen Touristen-Schwemme.«
Grit Warnat / Magdeburger Volksstimme, 040100.11.2019
»Keinesfalls nur für Hemingway-Fans ein großartiger Roman.«
Madame, 090200.10.2019

Leserstimmen

Meinung Abgeben
(Durchschnittliche Bewertung / 4 Kundenrezensionen)
TheReadingPeony, 12. Juli 2020
Hemingway und sein Genie in Venedig
Zum Inhalt:
Ernest Hemingway befindet sich in einer tiefen Schaffenskrise, geplagt von depressiven Episoden und seinem krankhaften Alkoholkonsum. Um neue Inspiration sammeln zu können, reist er 1948 gemeinsam mit seiner vierten Ehefrau nach Venedig, in die Stadt der Löwen.
Dort lernt er den Reporter Sergio und dessen Familie kennen, die für ihn eine wichtige Rolle in der Entstehung seiner nächsten Geschichte spielen wird. Dessen Sohn Paolo, ein junger Fischer, beginnt, mit dem alten Schriftsteller gemeinsam durch die Kanäle der Lagunenstadt zu fahren, auf der Suche nach dem Kuss der Muse.
Es zieht die beiden immer häufiger auf ihre Erkundungstouren, es verbindet sie ihre große Liebe zum Meer und zur Fischerei und auf einer ihrer Ausflüge lernt der berühmte Autor die junge Venizianerin Adriana kennen. Zwischen ihnen entsteht eine ungleiche Beziehung, da er sich seinerseits in das achtzehnjährige Mädchen verliebt und seine gesamte Zeit auf der Suche nach Inspiration mit ihr verbringt, während sie in ihm eine Vaterfigur sehen möchte. Aus dieser seltsamen Liaison entsteht Hemingways neuer Roman, der ihn aus seiner mehrjährigen Schreibblockade erhebt.
Doch auch in seiner Freundschaft zu Paolo und ihrer beider Liebe zur Einsamkeit und der Fischerei sieht er das Potential für eine eigenständige Geschichte, aus der in den letzten Jahren seines Lebens der Roman „Der alte Mann und das Meer“ entstehen soll.
°
Meine Meinung:
Hanns-Josef Ortheil schafft es durch seinen bild- und wortgewaltigen Schreibstil, dass sich der Leser auf wundervolle Weise mitgenommen fühlt in die Kanäle und Lagunen der Stadt der Löwen. Mit seinem detailreichen und unglaublich gut recherchierten Roman schafft er es, einen Einblick in den Kopf eines literarischen Genies zu vermitteln, welches auf seinem Weg zum Erfolg die Kränkung der Menschen in seiner Umgebung gerne in Kauf nimmt. So verprellt Hemingway nicht nur seine eigene Ehefrau durch seine Affäre mit Adriana, welche er außerdem zu seinem Vorteil ausnutzt, sondern vernachlässigt auch seinen guten Freund Paolo, der später immer mehr vereinsamt.
Eine Geschichte über die Liebe, den Erfolgsdruck, welcher auf Künstlern lastet und über die Schönheit der Begegnungen, die uns verändern können. Definitiv eine große Leseempfehlung!
Eva, 20. April 2020
Auf hoher See und auf Umwegen zum Erfolg
Eher durch Zufall ist mir vor drei Jahren „Der Stift und das Papier“ von Hanns-Josef Ortheil in die Hände gefallen. Danach stand fest: Ich mag die unaufgeregte Erzählweise des Autors, der es schafft, präzise und bildlich zu beschreiben, was außen um seine und innen in seinen Protagonist*innen vorgeht. So ist es nicht verwunderlich, dass ich auch an „Die Mittelmeerreise“ Gefallen gefunden habe – ein weiteres autobiographisches Werk aus Ortheils Feder.

Das Buch im Buch: Hanns-Josef Ortheil schreibt über Ernest Hemingway
Im nächsten Buch, „Der von den Löwen träumte“, geht es nicht um Ortheil selbst, aber doch wieder um einen Autor: Ernest Hemingway. Insofern dreht es sich zumindest wieder um das Schreiben. Ein Sujet, das sich wie ein roter Faden durch Ortheils Schaffen zieht.

Wahrscheinlich kann sich der Deutsche ganz gut in den US-Amerikaner hineinversetzen. Vielleicht faszinieren ihn Hemingways Verstrickungen während dessen Venedig-Aufenthalts, die Suche nach neuem Material und – am Ende fließen tatsächlich zwei Werke aus Hemingways Feder: der Roman „Über den Fluss und in die Wälder“ und die Novelle „Der alte Mann und das Meer“. Beide könnten unterschiedlicher kaum sein. Doch auf Anfang!

Ernest Hemingway in Venedig

Wir schreiben das Jahr 1948. Ernest Hemingway kommt in Venedig an. Mit dabei: seine vierte Frau Mary. Der Autor befindet sich in einer Krise. Der nächste Bucherfolg lässt auf sich warten. Dass der Autor mehr den Bars als den Buchstaben frönt, ist kein Geheimnis. Trotzdem will er es noch einmal versuchen. Die Lagunenstadt liefert hoffentlich die nötige Ruhe und doch ausreichend Inspiration und Stoff für eine spannende Erzählung.

„Ich schreibe immer an einem Buch, ich lebe nicht, ohne daran zu schreiben. Die Frage ist nur, ob es ein gutes Schreiben ist und ob ich es präzise genug höre.“

Der Reporter Sergio Carini befindet sich ebenfalls in einer Krise. Die Tageszeitung „Il Gazzettino“, für die er schreibt, erwartet eine gute Story. Man hat die anonyme Nachricht erhalten, dass der weltberühmte Autor Ernest Hemingway überraschend in der Stadt gelandet ist. Jetzt soll Carini liefern. Doch wie soll er dem Autor nahekommen, ohne sich dabei aufzudrängen, ihm auf die Pelle zu rücken? Geht er zu vorsichtig vor, geht ihm die Geschichte durch die Lappen. Ist er hingegen zu forsch, verliert er genauso. Wie soll er bloß das Vertrauen des US-Amerikaners gewinnen?

Hier kommt Paolo ins Spiel, der Sohn von Sergio. Der junge, zurückhaltende Fischer schlägt schnell ein unsichtbares Band zu Hemingway. Dabei beginnt die Bekanntschaft mit einer ganz praktischen Übereinkunft: Paolo wird Hemingway durch die Kanäle der Stadt schippern und dem Autor den Blickwinkel eines Einheimischen offenbaren. Schließlich ist Hemingway, anders als Mary, nicht hier, um die Sehenswürdigkeiten von Venedig zu bewundern. Er möchte nicht die großen Plätze, sondern die kleinen Seitenstraßen kennenlernen.

Dabei macht er auch die Bekanntschaft mit der jungen Adriana Ivancich – sehr zum Unmut von Mary. Doch Ortheil lässt uns eher zwischen den Zeilen lesen, dass hier zwei Hemingways auftreten. Die Facetten des Autors spiegeln seine innere Angespanntheit wider und zeigen, wie sehr der Autor sich von vorangegangenen Erfolgen in die Enge getrieben fühlt und doch gleichzeitig den Ruhm und Rummel um seine Person durchaus genießt. Damit wir als Leser*innen das sehen, brauchen wir Paolo und Adriana, die aus Hemingway, jede*r auf seine und ihre Weise, einen anderen machen.

Die Gesichter und Geschichten von Ernest Hemingway

Die deutlichste Beschreibung (irgendwann muss auch Ortheil mal beschreiben – er kann nicht immer nur zeigen) finden wir wohl auf S. 91:

„Ein Wichtigtuer war er auf keinen Fall, den Angeber dagegen hatte er durchaus manchmal drauf, einfach deshalb, weil er schlichte Sätze zu so elenden Verhältnissen wie denen des Krieges nicht ertrug. Angeberei war ein Mittel, sich an Worten zu besaufen und den Krieg zu ersticken, man verlieh sich eigene, selbst gemachte Orden, und man führte sie aus, indem man die Umgebung herunterredete.“

Sympathisch kommt Hemingway nicht herüber. Aber seine widersprüchliche Person gibt guten Romanstoff her. Dabei überlässt es Ortheil den Leser*innen selbst, ob sie sich auf das Private oder Handwerkliche des Schriftstellers stürzen oder einfach beides aus dem Buch mitnehmen. Es bleibt offen, wie viel Ortheil von sich selbst in Hemingway legt, wenn er zum Beispiel schreibt:

„[…] Ich kehre hier ein und dort, höchstens die Accademia werde ich vielleicht regelmäßig besuchen.“

„Warum ausgerechnet die?“

„Um jeweils ein einziges gutes Bild genau zu studieren. Präzises Sehtraining ist eine gute Vorübung für präzises Schreiben.“

Unweigerlich kommt mir dabei auch Thomas Bernhard in den Kopf, und sein Werk „Alte Meister“, das im Kunsthistorischen Museum in Wien spielt. Offenbar haben Autor*innen stets mindestens ein weiteres Steckenpferd neben dem Schreiben. Sie genießen ausgewählte Werke der Malerei oder Musikstücke oder beides. Schließlich steckt auch in den anderen Künsten die Essenz dessen, was sie zu Papier bringen wollen: ein Stück Leben, gefiltert durch die Betrachtungsweise eines anderen oder einer anderen.

Dem Lesen verweigern sich dennoch viele Autor*innen. Auch Bernhard war dafür bekannt, nichts von dem, was normalerweise unter „Literatur“ fällt, gerne zu lesen. Belletristik? Lieber nicht. Stattdessen las er lieber dicke Wälzer und Monumentalwerke von Philosophen, ich denke, als eine Art von Gehirnjogging. Ihm wäre es jedoch nicht eingefallen, ja, bestimmt auch aus einer gewissen Angeberei heraus, in anderen Werken zeitgenössischer Literatur zu blättern, geschweige denn sie zu lesen. Ein anderer Grund, sowohl für Bernhard als auch für Hemingway: Beide waren sehr in ihrem eigenen Gedankengebäude gefangen.

Richard Cantwell, die Hauptfigur für den 1950 erscheinenden Roman, reflektiert das ganz gut.

„Als solcher [Colonel der Infanterie in der amerikanischen Armee] hatte er den Krieg hinter sich, aber der Krieg steckte noch in ihm, und erinnerte sich jeden Tag an das, was er Furchtbares erlebt hatte. Wenn es stark in ihm aufstieg, begann er zu trinken, dann wurde es besser, und der Alkohol lenkte ihn an.“

Man begibt sich bei einer Rezension stets auf dünnes Eis, wenn Figuren aus dem Buch mit den Schreibenden gleichgesetzt werden, aber zumindest auf die Parallelen darf man ja doch hinweisen. Ernest Hemingway war Reporter und Kriegsberichterstatter während des Ersten Weltkrieges, aber eben nicht nur das. Ein kurzer Blick auf Wikipedia allein verrät: „zugleich Abenteurer, Hochseefischer und Großwildjäger, was sich in seinem Werk niederschlägt.“

In der Retrospektive lässt sich über die zwei Bücher sagen, für deren Plot die Venedigreise den Anstoß gegeben hat: Nur eins der Bücher wird positiv von Kritiker*innen aufgenommen. Und es ist nicht der Roman über den alternden Colonel, der mit der jungen Adriana eine (platonische) Beziehung eingeht, sondern die Novelle über den Fischer. Hier lässt Ortheil Paolo zu Wort kommen, warum er der Geschichte mit dem Colonel einen ganz anderen Plot geben würde, warum er auf Fischfang gehen solle:

„Weil Fischen das Schönste, Beruhigendste und Beste für ihn ist. Es gewöhnt ihn wieder an die Natur. Es lässt ihm Zeit, sein Seelenheil wieder zu finden.“ – „Sein Seelenheil? Was soll das sein?“ – „Du weißt genau, was ich meine, frag nicht so scheinheilig. Es geht um das Seelenheil, um nichts anderes, und ein so schwierig wiederzufindendes Glück erwirbt man nicht dadurch, dass man mit jungen Frauen durch die Bars von Venedig flaniert.“ – „Sondern?!“ – „Sondern, indem man weit hinausfährt aufs Meer, weit weg von den Bars, weit weg vom Alkohol und den anderen Spielereien, mit denen man Menschen den Kopf verdreht.“

Und 1952 erscheint dann auch die Novelle über den Fischer, der am Ende aber doch nur das blanke Skelett eines riesigen Marlins mit in den Hafen bringt. Den Rest haben die Haie auf See gefressen.

Die Geschichte „Der alte Mann und das Meer“ stellt Hemingway nicht mehr in Venedig fertig, aber er übermittelt nach Veröffentlichung ein Exemplar an Paolo – mit persönlicher Widmung:

„Für Paolo – in Dankbarkeit und Freundschaft – von dem alten Mann, der sich aufs Meer hinausgewagt hat.“
Buchbesprechung, 10. Januar 2020
Der alte Mann und Ortheil - großartig!
REZENSION – Es gibt nur wenige deutsche Schriftsteller unserer Zeit, die wie Hanns-Josef Ortheil gleichzeitig und mit dauerhaftem Erfolg in unterschiedlichsten literarischen Genres heimisch sind. Ob autobiografische oder historische Romane, ob Essays oder Sachliteratur, immer wieder versteht es der 68-jährige Autor aufs Neue, mit seinem aktuellen Buch die Bestsellerliste zu erobern. Gerade waren im Mai 2019 seine Kindheits- und Jugenderinnerungen „Wie ich Klavier spielen lernte“ erschienen, folgte nur ein halbes Jahr später die Romanbiografie „Der von den Löwen träumte“, eine liebevolle Hommage an den amerikanischen Nobelpreisträger Ernest Hemingway (1899-1961).
Ortheil beschreibt darin den mehrmonatigen Aufenthalt des Schriftstellers in Venedig im Jahr 1948. Der bald 50-Jährige steckt in einer Lebenskrise, leidet unter starken Depressionen und einer mehrjährigen Schreibblockade. Seit „Wem die Stunde schlägt“ (1940) ist ihm kein Roman mehr gelungen, weshalb der Ortswechsel auf Anregung seiner vierten Ehefrau Mary neuen Schwung geben soll. Anfangs genießt Hemingway die Ruhe und Einsamkeit eines Landhauses in der Lagune und die täglichen Bootsfahrten mit dem Fischersohn Paolo. Doch unerwartet erwacht im „alten Mann“ die Liebe zu der erst 18-jährigen Venezianerin Adriana Ivancich. Mit ihr amüsiert sich der nun wieder lebenshungrige Genussmensch wochenlang auf Ausflügen und in Tavernen, wie es uns Ortheil hautnah miterleben lässt. Hemingway lebt seinen neuen Roman; er selbst und Adriana sind die wahren Figuren des Buches „Über den Fluss und in die Wälder“ (1950).
Nicht nur Ehefrau Mary missfällt diese venezianische Liaison Hemingways, auch der junge Fischer Paolo kritisiert während einer ihrer Bootsfahrten den 30 Jahre älteren Amerikaner für dessen unkonventionelles Verhalten: „Ein Mann Deines Alters und die Liebe zu einer erheblich jüngeren Frau! Ich hätte es besser gefunden, wenn Dein Colonel allein geblieben wäre. …. Er sollte auf Fischfang gehen.“ Hemingway findet Gefallen an dieser anderen Romanidee: „An unseren gemeinsamen Roman denke ich jeden Tag. Ich hebe ihn mir wie versprochen für mein nächstes Buch auf“, schreibt er später aus Cuba an seinen jungen Freund. Schon 1952 erscheint die Novelle „Der alte Mann und das Meer“ als sein letztes Buch zu Lebzeiten, das maßgeblich zur Verleihung des Literaturnobelpreises (1954) beitrug.
Immer wieder spürt man im Buch die Sympathie Ortheils für Hemingway, kann sogar eine ähnliche Arbeitsweise erkennen: Wie wir es von Ortheil wissen, ist auch der Amerikaner ein genauer Beobachter und notiert sich während seiner Streifzüge durch Venedig scheinbar Unwichtiges, das später als Materialsammlung für den geplanten Roman dienen könnte. Ortheil gelingt es meisterhaft, nachweisbare Fakten und reale Personen mit Fiktivem zu einer lebendigen Geschichte zu vermengen. Am Ende ist man überzeugt, genau so müsse es gewesen sein. Man leidet mit Hemingway und gleichermaßen empört man sich über sein Verhalten. Man lernt diesen großartigen Schriftsteller, diesen „alten Mann“, besser zu verstehen und vielleicht seine Werke neu zu entdecken. „Der von den Löwen träumte“ ist deshalb ein Buch für alle Freunde Hemingways, ohnehin Pflichtlektüre für Ortheil-Fans, aber nicht zuletzt auch - der Ortheil'schen Sprachkunst wegen - wieder eine wundervolle Romanbiografie für die Liebhaber belletristischer, also wirklich „schöner Literatur“.
letteratura, 23. Oktober 2019
Hemingway und das Meer
Hanns-Josef Ortheils neuen Roman „Der von den Löwen träumte“ wollte ich nicht deshalb unbedingt lesen, weil ich ein Fan von Ernest Hemingway wäre, um den es in dieser Geschichte geht. Nein, ich bin vielmehr eine Liebhaberin der unaufgeregten Erzählweise Ortheils, seiner oft nachdenklichen, tiefsinnigen und stets so lebensbejahenden Bücher. In Ortheils Romanen fühle ich mich immer wohl, soweit man das so über die Lektüre von fiktiven Geschichten sagen kann. Ich fühle mich immer an die Hand genommen und voller Aufmerksamkeit und Behutsamkeit vom jeweiligen Erzähler durch die Geschichte geführt, so als wäre ich direkt mit dabei.

Nachdem ich mich mit dem letzten Roman des Autors „Der Typ ist da“ nicht ganz so anfreunden konnte wie mit früheren Lektüren, hat mich sein neues Buch wieder überzeugt. Ortheil nimmt uns mit nach Venedig, es ist das Jahr 1948, und Ernest Hemingway ist soeben in der Lagunenstadt angekommen. Mit dabei seine vierte Frau Mary, die im Gegensatz zum weltberühmten Autor eher auf touristischen Pfaden unterwegs sein wird. Außerdem dabei hat Hemingway immer einen kleinen Vorrat an Alkohol. Nicht direkt sichtbar, aber präsent ist seine inzwischen einige Jahre andauernde Schreibkrise, die er hofft, durch den Aufenthalt in Venedig endlich in den Griff zu bekommen. Er möchte sich der Stadt auf andere Weise nähern, möchte nicht im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit stehen – was schwierig ist, schließlich spricht sich die Ankunft des Literaturstars schnell herum und jeder will einen Blick auf den berühmten Mann werfen oder ihm in irgendeiner Form nahekommen.

Auch Sergio Carini ist einer von denen, die sich von der Gegenwart Hemingways etwas erhoffen: Er arbeitet als Reporter für die venezianische Tageszeitung Il Gazettinno und versucht, sich dem Autor wie zufällig zu nähern, um seine Informationen dann in einem Artikel bzw. einem Buch zu verarbeiten. Tatsächlich kommt er bald mit Hemingway ins Gespräch und die beiden Männer sind sich sympathisch. Hemingway ist so klug, dem anderen zumindest etwas zu geben, damit dieser sich erst einmal zufrieden gibt. Vor allem aber kommt ihm die Idee, mit Sergios Sohn Paolo auf dessen Boot durch die Lagune zu fahren und sich von ihm Orte abseits des Touristenstroms zeigen zu lassen. So sind es letztlich Hemingway und Paolo, die mit der Zeit Freunde werden.

„Der von den Löwen träumte“ folgt seiner Hauptfigur durch Venedig und auf dem Weg hinaus aus der Krise, denn der größte Erfolg Ernest Hemingways wird wenige Jahre später noch kommen: Die Novelle „Der alte Mann und das Meer“. Zunächst einmal aber lernt Hemingway noch die junge Adriana kennen, 30 Jahre jünger als er und eine platonische Liebe, wie es heißt, die aber seine Ehe mit Mary auf eine harte Probe stellt. Es ist diese Bekanntschaft, die zunächst in einem anderen Roman verarbeitet wird, nämlich in „Über den Fluss und in die Wälder“ von 1950. Die Geschichte eines älteren Mannes und seiner jungen Geliebten.

Nach der Lektüre von „Der von den Löwen träumte“ habe ich erst einmal meine eklatanten Lücken bezüglich des Autors Ernest Hemingways und seines Werks versucht, wenigstens grob zu schließen, was in aller Ausführlichkeit noch einige Lektüre nach sich zöge. Es mag zwanzig Jahre her sein, dass ich „In einem anderen Land“ von ihm gelesen habe, die Erinnerung ist also alles andere als präsent. Themen wie Fischfang und Jagd sowie sein Ruf als Macho tragen nicht gerade dazu bei, seine Bücher unbedingt lesen zu wollen – aber natürlich sollte mich das nicht abhalten.

Ortheil schaut immer ganz genau hin, wenn er Sergios Familie beschreibt, zu der nicht nur Paolo und Elena, Sergios Ehefrau, sondern auch seine Tochter Marta gehört, die eine größere Rolle im Roman einnimmt. Es sind einfache Leute, Fischer, Menschen, die nicht viel besitzen und die vor allem an ihre Familie denken. Liebenswerte Charaktere und alles andere als einfältig. Auch die Zerrissenheit des großen Schriftstellers setzt Ortheil gekonnt in Szene, ebenso wie man beim Lesen nur zu genau spürt, welch Aura diesen Mann umgeben haben muss. Wie gewohnt schreibt Ortheil in aller Behutsamkeit, in schnörkelloser, treffender und schöner Sprache. Der junge Paolo wird in Ortheils Roman zu einem Alter Ego des jungen Manolin, des Jungen, der Santiago, den „alten Mann“ aufs Meer begleitet hat, bis seine Eltern es ihm verboten. Wie alle anderen Figuren darf auch Paolo sich in der Geschichte weiter entwickeln. Und ganz am Ende dieses ruhig fließenden, lesenswerten Romans steht dann irgendwo am Horizont „Der alte Mann und das Meer“.

Nichts verpassen und jetzt zum kostenlosen Buchentdecker-Service anmelden!

Unter allen Neuanmeldungen verlosen wir am Ende des Monats ein tolles Buchpaket mit drei aktuellen Titeln.

Zum Buchentdecker-Service anmelden